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Communicating with a narcissist is like running in a hamster wheel.
You can wear yourself out to the point of exhaustion
yet you never left point.

Bisher hab ich nur von den sichtbaren Konsequenzen geredet. Die unsichtbaren sind aber viel schlimmer und viel tiefer.

Wenn Leute ihre Stimme erheben, bringt mich das heillos durcheinander. Es ist dabei egal, ob ich gemeint bin, oder nicht, ob es ernster Streit ist, oder nur Spaß. Laute Stimmen sorgen dafür, dass in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wird und ich nicht mehr denken oder reagieren kann. Man fühlt sich ganz hilflos in so einem Moment, manchmal bekomme ich Atemschwierigkeiten.

Ich gehe aus purer Gewohnheit davon aus, dass ich im Unrecht bin. Ich gehe davon aus, die anderen wüssten es besser, die anderen hätten ein besseres Gedächtnis. Mir wurde 1,5 Jahre lang bei jeder unangenehmen Frage brüllend vorgeworfen, ich höre nie zu, male mir meine eigene Realität aus, und sowieso wäre es für ihn leichter, wenn ich vor jedem unserer Treffen eine Liste schreibe, auf was ich denn heute selbst ausgedachtes wütend sei, was ER denn dieses Mal schlimmes angerichtet hätte, damit ER wenigstens vorbereitet sein könne. Hier ein Beispiel:
Ich: „Und, wie war es in London?“
ER: „London? Ich war gar nicht in London.“
Ich: „Du hast mir doch erzählt, dass du nach London fliegst.“
ER: „Das ist wieder typisch, so ein Schwachsinn. [Füge unwahre Anschuldigungen über meinen geistigen Zustand hier ein.]“
Das sieht jetzt erstmal harmlos aus. Ich war aber eigentlich absolut überzeugt davon, dass ER mir das erzählt hat. Allerdings war ich dann damals schon so weit, eher ihm Glauben zu schenken, als mir. „Ok, mein Gedächtnis war ja schon immer schlecht, ER wird schon Recht haben.“ dachte ich in solchen Momenten. Später, als ich mein Protokoll schrieb und dafür unsere komplette Kommunikation durchforstete, stellte ich fest, dass ER mir sehr wohl geschrieben hatte, dass ER nach London flöge. Und ER war ja tatsächlich auch da. Nur eben mit einer anderern Partnerin.
Diese gebrüllten Attacken kamen für gewöhnlich vollkommen unerwartet. Am Anfang sehr selten, später mehrmals die Woche, entweder persönlich, per Text oder auf am Telefon. Man nennt das Gaslighting. Aussage steht gegen Aussage, du bist dir vollkommen sicher, du hättest Recht, und anstatt vernünftig zu diskutieren oder zu argumentieren, wird dir vorgeworfen, du seist „verrückt“, „instabil“ oder „psychisch völlig am Ende“.
Gern hat ER dazu den Fakt genutzt, dass ich mich inzwischen seit 3 Jahren in Therapie befinde. Angefangen hat das Ganze wegen Burn Out und Depression, inzwischen mache ich es, weil ich meinen Therapeuten für genial halte und wahnsinnig viel über mich selbst und im gleichen Zuge über Menschen lerne.
Menschen, die zugeben, in Therapie zu sein, geben ja auch zu, total labil zu sein. So sieht ER das zumindest. Und überhaupt, ER brauche keine Therapie, ER sei völlig gesund, all seine Probleme kämen ja nur von mir. Die Partnertherapie habe ER nur mit mir gemacht, damit es MIR besser ginge. (Ja, wir waren in Paartherapie. Während ER 3 andere feste Partnerinnen hatte. ER ist bereit, jeden Preis zu zahlen, um dir glaubhaft seine Lügen aufzutischen.) Therapeuten seien sowieso viel zu unwissend, um ihn zu behandeln, ER wisse generell alles viel besser, als sie, weil seine Ex-Frau ja auch Therapeutin war und ER daher alles wisse. Fernab jeder Logik.
Und ich habe seinen Mist geglaubt.

ER hat mich so clever konditioniert, dass auch jetzt, 4 Monate nach der Trennung, immer zuerst an das glaube, was er mir über eine bestimmte Situation oder Person erzählt hat.
Beispiel: Ich kann nicht zur Polizei gehen, ER wird sich den besseren Anwalt leisten können, ER ist so wahnsinnig manipulativ, wer wird mir schon glauben? Und überhaupt, damals, als ER wegen Vergewaltigung angezeigt wurde, hat ER ja am Ende die einstweilige Verfügung gegen die Frau erwirken können.
Ja aber: Ist das überhaupt wirklich passiert? Ich gehe davon aus, dass alle Geschichten und Anekdoten schlichtweg gelogen waren. Für einen Narzissten ist Wahrheit und Lüge nicht wichtig. Es zählt einzig und allein das, was ER am Ende erreichen kann. Für seine Maske tut ER viel.

Wenn ich abends ausgehe, brauche ich teilweise Stunden, bis ich mich entspannen kann. Ich halte konstant Ausschau, ob ER nicht doch in der Menge auftaucht, ich habe sämtliche Notfall-Szenarien in meinem Kopf durchgespielt. Wo steht der nächste Türsteher? Wer ist der größte Mann im Raum/in der Bahn/auf der Straße, bei dem ich Hilfe suchen kann? Wie kann ich mich selbst verteidigen? Das sind natürlich Fragen, die Frau sich nachts grundsätzlich fragt, wenn frau allein in Berlin unterwegs ist, aber es ist bei Weitem unschöner, wenn man sich durch eine konkrete Person bedroht fühlt.

Der Narzisst hat alles von mir geraubt, was mich als Person ausmacht, und gibt es jetzt als sein Eigen aus. Meine Interessen, mein Wissen, meine Hobbies, meine Vorlieben, meine Fotos, meine Geheimnisse. Und ER nutzt alles. Freimütig erzählt ER von den sexuellen Vorlieben seiner Exen, mit oder ohne Namen. Wie schon erwähnt macht ER mit den Fotos von Verflossenen Catfishing-Profile, und ja, auch mit Unterwäsche-Fotos. Die Musik, die ich liebe, Filme, die ich mag, Clubs, die ich gerne besuche – alles habe ich mit ihm geteilt, und ER trägt es jetzt weiter und erzählt allen, dass ER mir Berlin gezeigt hat (wirklich??), wahlweise entweder die Variation, dass ER meinetwegen nirgendwo mehr ausgehen kann, oder dass ich absichtlich zu den Orten gehe, wo ich wisse, dass ER da sei. Ja, nein.
Und das macht ER ebenfalls mit allen seinen Partnerinnen. Wenn man das nicht weiß, wirkt ER einfach nur wie ein wahnsinnig wissender Mensch. ER kennt alle coolen Clubs, angesagten Bars, schicken Restaurants. ER kennt die geilste Underground-Musik, und zwar von allen Genres; ER hat sämtliche Bücher gelesen und alle Filme gesehen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man feststellt, dass ER ja irgendwie 4 Partnerinnen gleichzeitig glücklich machen musste und jede ihre eigenen Vorlieben hatte.

Aber. Hier kommt ein dickes Aber.
Um der perfekte Partner zu sein, unterstützt der Narzisst auch. ER spürt auf dem ersten Blick deine tiefsten Ängste und Unsicherheiten. Da schlägt ER sofort hinein. In meinem Fall war es das Gefühl, noch nie akzeptiert worden zu sein, wie ich bin. Und dafür geliebt zu werden. Das hat ER mir zumindest vorgegaukelt, und obendrein hat ER hart an meinem Selbstbewusstsein gearbeitet. Jedenfalls stellenweise. Während ER mich pushte, was meine Talente anging und ich zum ersten Mal überhaupt Fotografie und Bildretusche als Talent und Können anerkannte, machte ER mich natürlich gleichzeitig systematisch nieder, was meine Psyche anging.

Auf allen Hilfe-Seiten habe ich das Fazit gelesen: Kein Opfer würde jemals diese Erfahrung missen wollen, da sie Selbsterkenntnis und die daraus folgende Weiterentwicklung so massiv war. Das kann ich ebenfalls bestätigen, obwohl ich ja noch am Anfang der Verarbeitung stehe.
Es gibt einen Grund, wieso ich diesem Mann auf dem Leim ging. Es gibt einen Grund,wieso ich noch ein Mal zurück ging, obwohl ich schon weg war. Und dann ein zweites Mal fast zurück ging. Und direkt danach einer Mini-Version von ihm verfiel (Aber nur kurz. Wirklich.) Wenn ich diesen Grund vor mir zugeben werde, wird mich das näher an mich führen.
Bis das so weit ist, nehme ich die positiven Erfahrungen an: Ich bin verdammt toll und liebenswert. Von den Negativen lerne ich noch.
Alles andere ist in meinem Kopf. Was es nicht weniger real macht (Dumbledore lässt grüßen). Man sollte das nur nicht unterschätzen, und das tue ich nicht.

Das, was in eurem Kopf ist, dürft ihr nicht beiseite schieben, nur weil es keine sichtbare Gewalt ist. Seid gut zu euch selbst. Hört auf eurer Innerstes, auf euren Instinkt und das Unterbewusstsein. Redet euch nicht jemanden schön, wenn eure Sinne durchdrehen und ihr euch selbst nicht mehr erkennt, nur weil er euch scheinbar so sehr liebt.
Und wenn jemand zu euch sagte „Ich liebe es, Menschen zu manipulieren, aber das würde ich bei dir nie tun“, dann geht davon und kehrt nie zurück.

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